Bericht zum 3. Fachtag des AK Vermittlung

Veranstalter Arbeitskreis „Vermittlung“ im Museumsverband M-V e.V.

Thema „Interkulturalität in der Vermittlungsarbeit“

 

MV1 zeigt eine Zusammenfassung des Fachtags:

 

Das Kulturhistorische Museum Rostock wurde am 20.01.2020 erneut zur Kulisse des Fachtages Vermittlung im Museum, in diesem Jahr zum Thema „Interkulturalität im Museum“. 29 Teilnehmer*innen aus den Museen in MV sowie der Universität Rostock konnten in Fachvorträgen und Workshops Ideen sammeln, Vorschläge einbringen, eifrig diskutieren und reflektieren. Für viele Museen ist interkulturelle Bildung ein wichtiges Thema in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Besucher*innen werden in Museen mit Fragen nach dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ konfrontiert, wenn fremde Kulturen ausgestellt oder man mit andern Menschen ins Gespräch kommt. Wie interkulturelle Kommunikation initiiert, moderiert oder fortgeführt wird, versuchten Fachleute im Gespräch mit den Teilnehmenden zu ergründen.

 

Die Begrüßungsrede, gehalten von Katerina Schumacher, Referatsleiterin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, zeigte die Vielfalt des Themas Interkulturalität auf und unterstrich deren Stellenwert in der Vermittlungsarbeit der Museen. Der Entwurf der kulturpolitischen Leitlinien versucht das abzubilden. Frau Dr. Kathrin Möller, Vorsitzende des Museumsverbands MV und Leiterin des Schiffbau- und Schifffahrtsmuseums in Rostock, betonte in ihrer Grußrede die Bedeutung der Vermittlungsarbeit in Museen und verwies darauf, dass die Vermittler*innen neben vielen anderen Aufgaben im Museum die Vermittlungsarbeit oft nebenbei machen müssen; ein Zustand, der auf Dauer nicht tragbar ist und für den Abhilfe geschaffen werden muss.

Das Referat von Prof. Rita Müller (Museum der Arbeit Hamburg) führte in einen aktuellen interkulturellen Brennpunkt – der Umgang mit dem kolonialen Erbe in Europa. Am Beispiel der Entwicklung einer Sonderausstellung zeigte sie, wie eine dekolonialisierte Perspektive umgesetzt werden kann. Das Museum der Arbeit möchte, ausgehend von der eigenen Ortsgeschichte der „New York-Hamburger-Gummi Waaren Compagnie“, die Hamburger Kolonialindustrie unter die Lupe nehmen. Doch nicht nur neue fachliche Perspektiven auf das Thema, sondern auch neue Wege der Ausstellungsentwicklung unter Beteiligung der Zivilgesellschaft sollen gegangen werden. Das heißt, Akteure und Arbeit, nicht Warenströme und Technik, in den Mittelpunkt zu stellen. Auch der Widerstand gegen koloniale Abhängigkeiten und die Erfahrungen der Zivilgesellschaft in den Herkunftsländern von Kautschuk, Palmöl und Kakao, aber auch in Hamburg sollen thematisiert werden. Perspektivwechsel, Transparenz, Partizipation und Emotionen sind wichtige Forderungen an den Prozess der Ausstellungsentwicklung. Wenn man diese Forderungen umsetzen will, dann benötigen Prozesse mehr Zeit und auch mehr finanzielle Ressourcen. Das Interesse an den Fragen der Umsetzung war groß, wie man an der lebendigen Fragerunde feststellen konnte.

Im Markt der Möglichkeiten wurden drei Projekte vorgestellt, die aktuelle Vermittlungsarbeit aufzeigten. Jane Thorun und Mirko Schütze referierten über ein länderübergreifendes Projekt – das Erasmus+ Projekt REMBRANDTS MOVIE CAMERA – bei dem die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Bulgarien, Rumänien, Italien, Griechenland und der Türkei Filmworkshops im Museum durchführen. Die Filme werden in Slow Motion aufgenommen und zeigen eine von den Schülerinnen und Schülern ausgedachte Szene, die vor oder nach einem im Museum ausgestellten Gemälde stattgefunden haben könnte. Die beteiligten Kinder freuten sich auf die Arbeit im Museum, suchten nach passenden Gemälden, wurden kreativ und lernten den Umgang mit Kamera und Kostümen.

Nils Wöbke und Julia Tackmann vom capito Mecklenburg-Vorpommern, Lebenshilfewerk Hagenow gGmbH, erläuterten die Möglichkeiten der Ausbildung von Menschen mit behinderungen für Museumsführungen. Sie suchen für ihr neues Projekt „Kunst on tour“ Mitstreiter in Museen, die gemeinsam mit capito Menschen mit Behinderungen in den jeweiligen Museen zu Museumsführern ausbilden.

Arne Lentföhr referierte über ein Projekt, das die verschiedenen geschriebenen und gesprochenen Arten der Niederdeutschen Sprache via Eingabemöglicheit in einem Internetportal in eine festgelegte Schreibsprache umwandelt. Auf diese Art soll eine Vereinheitlichung der Schriftsprache des Niederdeutschen erfolgen, um das Lese-Verständnis niederdeutsch geschriebener Texte zu erhöhen.

Am Nachmittag konnten die Teilnehmer*innen aus drei Workshops einen auswählen, der ihnen verschiedene Sichtweisen zu Themen der interkulturellen Vermittlungsarbeit aufzeigen konnte und durch diverse Anregungen in gemeinsame Ideenfindung und -diskussion mündete.

Nadine Schmidt, Schloss Bothmer, und Dr. Andreas Wagner, Grenzhus Schlagsdorf, diskutierten mit den Teilnehmenden über Differenzen zwischen ost- und westdeutschen Prägungen und ihre Potentiale für interkulturelles Lernen. Ausgangspunkt waren die eigenen Prägungen (Selbstreflexion), gefolgt von den Beobachtungen in den Museen und den Ideen, wie Unterschiede fruchtbar für Bildungs- und Dialogprozesse gemacht werden können. Birgit Baumgart, Staatliches Museum Schwerin, stellte Beispiele vor, wie die Sprache im Museum interkulturelles Lernen ermöglicht. Sprache spielt im Museum eine große Rolle, aber auch für das Erlernen und Praktizieren einer Fremdsprache gibt es im Museum viele Möglichkeiten. Durch die Lernatmosphäre außerhalb eines Klassenraumes und die Vielzahl an Möglichkeiten der Sprachvermittlung im Museum, angefangen von Bild- und Objektbeschreibungen bis zum Ergänzen von Vokabeln durch die Einbeziehung von Gerüchen oder Geräuschen, bietet sich das Museum für das Erlernen und Vertiefen einer Fremdsprache an. Am Beispiel des Plattdeutschen konnte sie Erfahrungen vorstellen, wie das Museum seine Funktion als Begegnungs- und Lernort erweitert und zugleich neue Besuchergruppen erschließt.

Prof. Oliver Plessow (Universität Rostock) hinterfragte am Beispiel des Themas Flucht, Vertreibung und Migration, wie Museen mit diesen Themen in den Ausstellungen umgehen, aber wie diese Orte auch zu Gesprächsräume werden können, um Migrations- und Fluchterfahrungen auszusprechen, andere Perspektiven kennenzulernen und damit auch politische Debatten in einer anderen Art neu verhandelt werden können.

Insgesamt ein gelungener Tag, der Anstöße für das weitere Nachdenken über interkulturelle Ansätze in der musealen Praxis des Landes Mecklenburg-Vorpommern gab. Ein großes Dankeschön an das Vorbereitungsteam und die organisatorische Sicherstellung durch die Kolleginnen vom Kulturhistorischem Museum Rostock.         

Isabell Nittel und Andreas Wagner